top of page
JMP so sehe ich das.png

So sehe ich das: Der Spruch von den 11 Freunden ist so abgedroschen nicht

Jean-Marie Pfaff zum Aus der deutschen und belgischen Mannschaft bei der WM in Katar

 

Die WM in Katar ist für meine Belgier und auch für Deutschland vorbei. Beide Mannschaften haben sich nach der Vorrunde verabschiedet. Deutschland war zuvor als einer der Titelfavoriten gehandelt worden, Belgien zumindest – wie in den vergangenen Jahren immer – als ein Geheimfavorit. Jetzt stehen beide vor den Scherben der Vorrunde.

Wo liegen die Gründe für das Scheitern? Beide Mannschaften wurden eventuell im Vorfeld besser eingeschätzt als sie im Endeffekt wirklich waren. Fehlende Qualität sehe ich da erst einmal nicht. Sowohl die deutsche Mannschaft als auch meine Belgier haben Spieler, die in ihren Vereinen regelmäßig auf absolutem Topniveau spielen und dies dort auch immer wieder bestätigen. Beide haben es aber nicht geschafft, aus dieser Ansammlung an Topspielern eine verschworene Einheit zu formen. 

 

Als ich 1982 mit Belgien an der WM in Spanien teilnahm, waren alle unsere Spieler Amateure, die in kleinen Vereinen in der belgischen Liga spielten. Ich musste mir für das Turnier sogar einen Monat unbezahlten Urlaub nehmen, um überhaupt spielen zu können. Wir wussten, dass wir nur ein Underdog waren, aber wir waren ein verschworener Haufen, der zusammen durch Pech und Schwefel ging. Das sah man dann auch auf dem Platz, wir konnten im Eröffnungsspiel den amtierenden Weltmeister und Titelverteidiger Argentinien schlagen. Das kleine Belgien gegen die Stars um Mario Kempes und Trainer Luis Menotti. Wir gewannen 1:0. Auch vier Jahre später, in Mexiko, waren wir nur ein Underdog. Und dann patzten wir sogar im Auftaktspiel gegen Mexiko im Aztekenstadion (1:2). Aber: Wir rissen uns am Riemen, schworen uns auf die nächsten Spiele ein und kamen am Ende in die K.o-Phase. Dort schwebten wir dann wie auf einer Wolke, schlugen die Sowjetunion in einem wahnsinnigen Spiel 4:3 und gewannen auch gegen Spanien im Elfmeterschießen. Und plötzlich stand das kleine Belgien im Halbfinale und musste sich dort nur der Weltklasse eines Diego Maradona geschlagen geben, der in diesem Jahr auf dem Höhepunkt seiner Karriere war. Wir wurden in der Heimat gefeiert wie die wahren Weltmeister. Hundertausende Menschen feierten uns bei unserer Rückkehr am Flughafen in Brüssel und in der Stadt wie Könige. 

 

Was ich damit sagen will? Du musst nicht immer die besten Spieler haben, um erfolgreich zu sein. Am Ende ist entscheidend, dass die, die im Kader sind, zusammenhalten und sich als Einheit präsentieren und zusammen durch dick und dünn gehen. Das haben in Katar weder Deutschland noch Belgien geschafft, deswegen müssen beide jetzt nach Hause fahren. Sepp Herberger hat einmal gesagt: Elf Freunde müsst ihr sein,  und diese Weisheit ist so abgedroschen nicht. Da steckt immer noch einiges an Wahrheit drin, auch in Zeiten, in denen sich der Fußball kaum noch mit dem von vor 30, 40 oder auch 50 Jahren vergleichen lässt. 

bottom of page